Kunst

Darstellendes Spiel in der Kirche

Theater in der Kirche
Foto Theaterbühne
Quelle: Foto von Kyle Head von Unsplash

Der folgende Text ist aus einem Handout von Ruben Turbanisch zu seinem Workshop auf der TechArts 2017 entstanden und stellt übersichtlich dar, wie das darstellende Spiel in unsere Kirchen kam.

Die Kirchengeschichte des Theaters

Wie ist Theater in die Kirche gekommen?

Der Ursprung des Theaters ist im Nachahmen der Natur und göttlicher Wirklichkeit durch magischen Rituale anzusiedeln. Das älteste, uns bekannte Mysterienspiel kennen wir aus dem Mittleren Reich (2000-1500 v. Chr.). Bei diesem Spiel geht es um das Leiden, Tod uns Auferstehung (Fruchtbarkeitsmythos) des Gottes Osiris. Im Mittelpunkt stand nicht das Publikum als Zuschauer, sondern die Gottheit, die beeindruckt werden sollte.

Theater, teatro, theatre, théâtre, teater, teatr – unsere Bezeichnung für die darstelle Kunst leitet sich vom griechischen Begriff für Zuschauerraum, τό θέατρον = Theatron ab. Das antike Theater gilt als die Babystation des europäischen Theaters.

Das Theater war den Männern vorbehalten. Erst im 4. Jh. n. Chr. wurden Frauenrollen auch von Frauen gespielt. Jetzt war es auch möglich Sexszenen naturgetreu auf der Bühne darzustellen. Dies gefiel den Kirchenvätern natürlich überhaupt nicht. Außerdem wurden in den Theatern der damaligen Zeit die neue Religion durch die Mimen stark verspottet. Im 4 Jh. wurde die Absage ans Theater ins Taufbekenntnis mit aufgenommen, im 5. Jh. drohte die Kirche sonntäglichen Theaterbesuchern mit Exkommunikation.

Theater, der Umschlagplatz der Sünde

Bis ins 7. Jh. war das Theater als ein Umschlagplatz der der Sünde angesehen und aufs Schärfste bekämpft. Aber kein Kult der Geschichte kam bisher auf Dauer ohne darstellendes Spiel aus.

Die Kirche entdeckt die Macht des Theaters

Die Kirche nimmt magische Symbole (z.B. Weihrauch, Kerzen und gesegnetem Salz) in die Liturgie auf. Sie wollte erreichen, dass der Mensch mit all seinen Sinnen die Botschaft der Kirche erleben konnte.

Im Jahr 692 n. Chr. lockerte die Kirche das Bilderverbot und begann im zehnten Jh. die Osterliturgie inszenatorisch auszuschmücken. Das Theater hatte den Einzug in die Kirche gefunden.

Quelle: Passionspiele auf wikisource.org.

Spätestens im 13. Jh. verlagerten sich die geistlichen Spiele aus dem Kirchenraum auf den Kirchenvorplatz und wurden nicht länger lateinisch gesungen, sondern in den verschiedenen Volkssprachen gesprochen. Das Ziel: Bürger:innen außerhalb der Kirche erreichen.

Quelle: blogspot.com

Im 18. Jh. trat eine Art Rivalität zwischen Kirche und Welt auf, wie folgendes Zitat von Heinrich Heine zeigt:

„In die Kirche ging ich morgens, um Komödien zu schauen; abends ins Theater, um mich an der Predigt zu erbauen.“

Heinrich Heine

Ironischer Weise erschien das Theater hier als die bessere Kirche. Die Kirche sah das (weltliche) Theater mehr und mehr als Sünde an, weil es den Menschen davon abhalten würde sich mit geistlichen Dingen zu beschäftigen. Die geistliche Elite glaubte, das Freizeit eher für die eigene Besserung verwendet werden sollte, als für das Vergnügen.

Ab den 80er-Jahren des 20. Jh. ändert sich die Sicht auf das Theaters nach und nach zum Positiven. Heute gehört das Theater in allen seinen Formen wieder zur Verkündigung des Evangeliums. Wir sind gespannt, welche Auf und Abs sich in den nächsten Jahren entwickeln.

Theater in der Kirche heute

Es ist erstaunlich, wie schnell die Welle des Theaters in Gemeinde und Kirche angerauscht und wieder abgeebbt ist. In den 70er/80er Jahren kämpften einige mutige Schauspieler dafür, dass das Theater wieder in unseren Gottesdiensten Einzug hält.

Spätestens ab dem Jahr 2000 hatte das neue Bewusstsein für Theater im Gottesdienst seinen Triumphzug angetreten. Jede Gemeinde die modern sein wollte und etwas auf sich hielt spielte wöchentlich oder monatlich Szenen im Gottesdienst. Nicht zuletzt durch die Willow-Kongresse, und was man sonst noch aus den USA rüber schwappen sah, wurden Menschen motiviert zu spielen (ob sie es konnten oder nicht).

Anspielgruppen sprießen aus dem Boden wie Pilze. Das hat sich in den letzten fünf Jahren aber geändert. Viele Pastor:innen behaupten, dass Theater in ihrer Gemeinde »nicht mehr dran« ist. Die Zahlen der deutschen Theaterhäusern bleiben dagegen kontinuierlich, bei ca. 39 Millionen Besucher:innen pro Jahr. Gut gemachtes Theater boomt. Ich schließe das Musical, das momentan die Spitze der meist besuchten Theaterevents anführt, mit ein und stelle fest, der Besucherstrom reißt nicht ab.

Herausforderungen und Chancen

Welche Herausforderungen und Chancen des Theaters in der Kirche gibt es zur Zeit?

  • Viele Gemeinden müssen für das Theater neu gewonnen werden. Dabei müssen wir beachten, dass die neuen Medien niemals als Konkurrenz gesehen werden. Es hat seinen Platz. Wer es in Konkurrenz stellt, hat schon verloren.
  • Theater muss eine neue Qualität bekommen.
  • Wenn es dem Theater in der Kirche gelingt authentisch zu sein (also das Leben in allen Facetten abzubilden) und Inhalte des Glaubens zu vermitteln, dann spricht es die Menschen an. Diese Aussage ist auch völlig unabhängig von Theater.
  • Das Theater kann direkte Identifizierung schaffen, indem sie das Leben abbildet. Gutes Theater in der Kirche führt die Zuschauenden immer in die Frage nach der Beantwortung durch Gott.
  • Theater ist Bildwort und Bildworte wirken länger und tiefer als das gesprochene Wort – ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das kann auch nicht durch einen Film ersetzt werden, da er nicht so nah kommt wie das Theater.

Schauspiel das unter die Haut geht

Wie schaffst du das?

Wenn Schauspiel unter die Haut geht, dann…

… werden Menschen berührt, befreit, bewegt.

Frage dich selbst:

  • Was hat dich in den letzten zwei Wochen wirklich berührt? Warum?
  • Was hat es in dir bewirkt?
  • Welche Auswirkungen hat es (hätte es), wenn unsere Gottesdienste unter die Haut gehen (würden)?
  • Welchen Raum nimmt die (darstellende) Kunst in deiner Gemeinde ein?
  • Woran liegt es, dass Kunst nicht alltäglich in der Gemeinde geschaffen wird?

Wenn Schauspiel unter die Haut geht, dann…

… wird aus der Last eine Lust.

Poiema = „Werk Gottes“

Wir sind Kunstwerke des größten Künstlers, die selbst künstlerisch tätig sein dürfen, siehe Epheser 2,10 und Genesis 1.

Frage dich selbst:

  • Was sagt die Qualität meiner Kunst über mein Gottesbild,
  • mein Menschenbild und
  • meine Haltung zu Gemeinde aus?

Literatur und Quellen

→ GRONEMEYER, ANDREA: Theater. 5. Auflage. Köln: DuMont, 2005
→ SIMHANDL, PETER: Theatergeschichte in einem Band. 3. Auflage. Berlin: Henschel Verlag, 2007
→ HEINE, HEINRICH: Reisebilder. Zweiter Teil; Heine-WuB Bd. 3
→ TURNER, STEVE: Imagine – Christen in Kunst, Musik und Medien. Berlin: Down to Earth, 2004

→ ANDREAS MERTIN: theomag.de
→ THEO GEIßLER: Theater Statistik 2015/2016

Wie stehst du zu Schauspiel in der Kirche?

Wie dieser Text zeigt, wird Schauspiel in der Kirche teilweise sehr kontrovers diskutiert. Was ist deine Meinung dazu? Spielt ihr Theater in der Kirche? Wenn ja, wozu und wenn nein, warum? Wir freuen uns auf deine Kommentare!


Foto Ruben Turbanisch
Ruben Turbanisch
Ruben Turbanisch ist als Pastor der jungen Generation in der EFG Darmstadt tätig. Er ist mit Leidenschaft Botschafter und er hilft anderen, selbst gute Botschafter:innen zu werden. Seine Wurzeln hat er im Theater und Schauspiel. Er ist Mentor, Berater und Trainer. Mehr über Ruben erfährst du auf seiner Website.

Veröffentlicht: 23. September 2021

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