Kunst

Ist das Kunst oder kann das weg?

Braucht es heute noch Theater im Gottesdienst?
Theater in der Kirche
Quelle: Foto von Tamara Gak auf Unsplash

Am Abend im Theater: Ein Zuschauer ruft während der Aufführung: „Licht aus, ich will schlafen!“ Schallt es von hinten: „Auf gar keinen Fall. Ich möchte Zeitung lesen!“

Auf der Techarts-Konferenz 2017 hat sich Ruben Turbanisch mit dieser Frage beschäftigt:

Können wir mit darstellender bzw. poetischer Kunst Gottesdienste heute wirklich wirkungsvoll gestalten? Und wenn ja, wie?

Lies hier, was er dazu gesagt hat:

Ich behaupte: „Unsere Gottesdienste können mit darstellender und/oder poetische Kunst wieder relevant werden. Die Frage lautet nur: Sind wir uns bewusst, dass wir unser Publikum verloren haben?“

Wenn wir uns über das Thema, wie wir mit darstellender Kunst Gottesdienste wirkungsvoll gestalten, austauschen, werden wir folgendes erreichen:

  • Wir schaffen uns ein Bewusstsein für unser Publikum und unsere Art über sie zu Denken.
  • Wir werden neu motiviert, das Beste zu geben.
  • Wir lernen, was es braucht, damit unsere Botschaften wirklich bei den Menschen ankommen.

Wir verfolgen mit Schauspiel in der Gemeinde verschiedene Ziele:

  • Fragen aufwerfen
  • Dem Pastor eine Grundlage legen.
  • Provozieren
  • Menschen dort abholen wo sie sind
  • Gesellschaft widerspiegeln

Da stellt sich die Frage, ob wir diese Ziele mit unseren Gottesdiensten bzw. mit dem darstellenden Spiel wirklich erreichen?

Es gibt sehr gute Initiativen und Projekte, die das Publikum erreichen; Kopf und Herz emotional berühren und durchaus viele Menschen anziehen. In der breiten Gemeinde-Masse bildet sich aber ein anderes Bild ab. In vielen Gemeinden gibt es kaum noch Gruppen für darstellendes Spiel oder es wird stiefmütterlich behandelt. Es wird nur halbherzig betrieben und es gibt keine Künstlergruppen, die sich ernsthaft Gedanken um das Schauspiel machen. Die Leiter lassen sich nicht mehr aus- und weiterbilden und der Rest der Theatergruppe hat kaum Ahnung von ihrem Handwerk.

Das hat schwere Folgen für darstellendes Spiel: Wir haben unser Publikum verloren. Nicht nur, dass sie uns fernbleiben. Was viel schlimmer ist, wir haben sie innerlich verloren. Keiner will schlechtes Theater sehen.

Darum gibt es auch kaum noch Theater in der Kirche. Keiner will schlechtes Theater machen. Darum gibt es auch kaum noch richtige Theaterstücke in der Gemeinde. Einmal im Jahr wird die Kindergottesdienstgruppe (unter Waffengewalt) gezwungen das Weihnachtsstück aufzuführen. Und weil die Kleinen Welpenschutz genießen, zwingen wir uns durch das Adventsspiel (inklusive Blogflötenstück). An Qualität denkt dabei kaum jemand.

So erreichen wir unsere oben genannten Ziele nicht.

Meistens begegnet mir mindestens eines, wenn nicht mehrere der folgenden Mängel, wenn die Ziele nicht erreicht werden:

  • Ungenügende Qualität der Stücke und des Spiels: Schauspieler und Regisseur verstehen ihr Handwerk, mangels Ausbildung nicht oder Dramaturgie und Inszenierung stimmen im Stück nicht.
  • Knüppelmethode – Die Wahrheit über den Glauben, wird den Menschen nur so um die Ohren gehauen.
  • Die Stücke sind irrelevant und haben nichts, aber auch gar nichts mit der Lebenswelt eines Christen / Nichtchristen zu tun. (Übelste Form: Alles schlecht, Jesus kommt, alles gut)
  • Die Menschen in der Gemeinde sind sich uneinig, ob Theater Sünde ist oder nicht.

Ich bin fest davon überzeugt: Es ist an der Zeit, dass wir uns über unsere Art und Weise, wie wir unser Handwerk verstehen, Gedanken machen. Es reicht einfach nicht mehr aus eine rote Nase aufzusetzen, auf die Bühne zu gehen und irgendwas „Passendes“ zu spielen. Wird Theater so verstanden, verfliegt die Botschaft im Raum und kommt beim Publikum nicht mehr an, mehr noch: Es nervt. Das Theater berührt nichts und niemanden und wird für manchen Pastor zum Fremdschämen in der eigenen Gemeinde. Es gibt noch ein anderes Problem:

Die Menschen brauchen die Kirche nicht mehr, wenn es darum geht Kunst zu erleben.

Sie brauchen uns nicht einmal mehr, um die richtigen Fragen an die Gesellschaft zu stellen und dann auch noch emotional berührt zu sein. Es gibt inzwischen so viele Orte, an denen Menschen Kunst genießen können, dass sie die Kirche nicht mehr brauchen.

Das ist doch schade. Ich bin genauso fest davon überzeugt, dass wir in unserer Generation wieder relevant für die Menschen werden können. Aber dazu braucht es ein Umdenken in der Gemeinde, in der Gruppe für darstellendes Spiel und in jedem einzelnen, der in dieser Gruppe eine Funktion hat.

Damit Theaterstücke oder Filmszenen im Gottesdienst wirkungsvoll werden, braucht es:

  • Als aller erstes eine Einstellung: Liebe, was du tust!
  • Tu nur das eine in der Gemeinde .
  • Gute Qualität der Stücke und der Schauspieler: Woran misst man das?
  • Das Publikum hat immer recht, nicht nur wenn es klatscht.
  • Was bewirkt das Theaterstück?
  • Sieht das, was ich da sehe echt aus oder sieht es „gespielt“ aus?
  • Weiser Umgang mit der Lebenswelt der Menschen (dazu gehört dann auch),
  • dass wir uns bewusst werden, welche Fragen, Ängste, Nöte, Freude unser Publikum hat.
  • Der Pastor bzw. die Gemeinde muss voll hinter der Arbeit der Gruppe stehen. Schauspiel ist keine Sünde. Aber: Wir können Denken nicht ändern. Wir können aber erlebbar machen, was gutes Theater bewirkt.

Zusammengefasst heißt das:

Wir haben die Chance, Menschen zu erreichen, wenn wir bereit sind, voller Stolz an unserem Handwerk zu arbeiten. Dann, aber nur dann, wird die darstellende Kunst zu einem wirkungsvollen Werkzeug, um Menschen mit der besten Botschaft der Welt zu erreichen.

Wie siehst du darstellende Elemente in der Gemeinde?

Ruben Turbanisch hat mit diesem Text klar für darstellende und poetische Elemente in der Kirche geworben – wenn sie gut gemacht sind. Wie geht es dir damit? Bist du seiner Meinung? Hast du andere Argumente dafür oder dagegen? Schreibe uns gerne einen Kommentar dazu!


Foto Ruben Turbanisch
Ruben Turbanisch
Ruben Turbanisch ist als Pastor der jungen Generation in der EFG Darmstadt tätig. Er ist mit Leidenschaft Botschafter und er hilft anderen, selbst gute Botschafter:innen zu werden. Seine Wurzeln hat er im Theater und Schauspiel. Er ist Mentor, Berater und Trainer. Mehr über Ruben erfährst du auf seiner Website.

Veröffentlicht: 28. September 2021

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